Symposium und Kultur-Tour der Akademie Ostbayern - Böhmen mit der Westböhmischen Universität Pilsen

Veranstaltungsort im Wissenschafts-und Technologie-Park der Stadt Pilsen (VTC)
Veranstaltungsort im Wissenschafts-und Technologie-Park der Stadt Pilsen (VTC)

Überraschende Fakten vermittelten die Referenten beim ersten grenzüberschreitenden Symposium der Akademie Ostbayern – Böhmen und der Westböhmischen Universität vom 10. bis 11.11.2017 in Pilsen zum Thema „Demografische Entwicklung, Migration und Integration“.

 

 

Wie beim Symposium im Februar in Neunburg wurden Aspekte der „Demografischen Entwicklung, Migration und Integration“ diesmal aus westböhmischer Sicht thematisiert. Veranstaltungsort war der Wissenschafts-und Technologie-Park der Stadt Pilsen (VTC), der zusammen mit dem Business-Incubator (BIC) die Infrastruktur für die Förderung von Innovationen durch junge Unternehmen bereithält. 

 

Im Kulturprogramm folgten eine Stadtführung, der Besuch des Ballett-Musicals 'Edith' über die Lebensgeschichte der berühmten Sängerin Edith Piaf, die Besichtigung des Depot2015 und von zwei der berühmten Wohnungs-Interieure des Architekten Adolf Loos

 

 

Nach der Begrüßung der Teilnehmer durch Ing. Roman Čermák, Ph.D. von der WBU und Dr. Peter Deml, stellv. Vors. der AOB, wurde die Institution von Entwicklungsmanager Jan Černý vorgestellt.

Man fördert hier innovative Forschung vor allem mit Studenten der WBU in grenzüberschreitender Zusammenarbeit im Rahmen der Donau-Moldau-Region. Auf 13.000 m² stehen Büros, Labors und Werkstätten in unterschiedlichen Größen zur Verfügung, in denen junge Unternehmen entwickeln und produzieren können, was im sog. BarCamp auch mit Unternehmen von außen geschieht. So sei man „konkurrenzfähig in ganz Europa“.

 

Im ersten Referat zum Symposium beleuchtete doc. PaedDr. Jaroslav Dokoupil, Ph.D. aus der Fakultät Geografie, die ‚Demografische Entwicklung im Bezirk Pilsen‘, der drittgrößten Region nach der Fläche und der neuntgrößten nach der Bevölkerung in Tschechien mit ca 573.000 Einwohnern in insgesamt 501 Gemeinden, davon nur 15 mit erweiterter Zuständigkeit. Bemerkenswert, neben dem großen Zentrum Pilsen gibt es nur wenige Mittelstädte. Der Anteil von Bürgern über 65 ist sehr hoch und führt zum dritthöchsten Altersindex in der CZ. Dem natürlichen Bevölkerungsrückgang steht ein Zuwachs durch Migration gegenüber, so dass in Westböhmen die drittgrößte Minderheit an Ausländern lebt. 

 

Die beiden folgenden Referate hielten zwei Professoren aus dem Fachbereich Politik und internationale Beziehungen. Doc. PhDr. Přemysl Rosůlek ging auf die ‚Internationale

Migration in Tschechien und die politischen Debatten ein‘. Seine einleitende These: „Die öffentliche Diskussion entspricht der Realität nicht“. Am Beispiel der Vietnamesen, Ukrainer, Slowaken, Romas Russen, Muslimen, Bulgaren und Rumänen zeigte er deren überwiegend negatives Image in der Volksmeinung auf und stellte es anhand konkreter Zahlen der Realität gegenüber.

Innerhalb der sehr homogenen tschechischen Gesamtbevölkerung von etwa 10 Millionen gibt es rund 500.000 Ausländer, unter denen die Ukrainer (23%) und Slowaken (22%) und Vietnamesen (12%) die größten Gruppen darstellen neben Russen, Deutschen, Polen, Bulgaren und Rumänen. Dazu kommt die Gruppe der Roma, deren genaue Zahl nicht feststellbar ist und die als nicht integrierbar gelten. Asylsuchenden kommen in erster Linie aus postkommunistischen Staaten wir der Ukraine und Kuba, kaum aus Afrika, Asien oder der Türkei. Von insgesamt 1990-2014 gestellten Asylanträgen wurden nur 14 anerkannt. „Die seither anerkannten Bewerber würden nicht einmal einen Bus füllen.“ Zahlen, die von der Bevölkerung weitgehend ignoriert werden.

 

Gefördert von bestimmten Politikern und Parteien hat sich daher eine islamophobe und migrantophobe Einstellung breitgemacht, teilweise begleitet von antisemitischen Strömungen und besonders von einer Europa feindliche Haltung. Negative Äußerungen zur deutschen Bundesregierung und das Festhalten an den Beneš-Dekreten passen dazu. „Für große Teile der Bevölkerung ist die EU das Schlimmste, weil sie keine Änderungen wollen“, so der Referent. Trotz der geringen Zahl der anerkannten Asylbewerber hat man „kein Vertrauen, dass Integration gelingt“.

 

Diese Wahrnehmung der Integration in der tschechischen Bevölkerung bestätigte und konkretisierte

PhDr. Petr Krčál, Ph.D. weiter. Als Hauptakteur unter den politischen Parteien gegen Asylanten und Integration etablierte sich die SPD des japanisch-stämmigen rechtspopulistischen Unternehmers Tomio Okamura. Dem ‚Migranten, der gegen die Einwanderer kämpft‘, brachte die totale Ablehnung einer Aufnahmequote und der islamischen Religion 22 Sitze im Parlament bei den letzten Wahlen ein. Gezielte Desinformationen durch sog. fake-news waren beliebte Mittel. Als Hauptgründe für das Meinungsbild und Wahlverhalten der Tschechen machte Prof. Krčál die schlechten sozioökonomischen Verhältnisse bestimmter Gesellschaftsschichten, mangelnde Information und Bildung, Angst vor dem Fremden, Europaskepsis, die Identitätsfrage – die Diskussion um die niemals definierten ‚tschechischen Werte‘ – sowie das Auftreten von Lügnern und Demagogen aus. Eine nennenswerte Gegenargumentation gebe es leider nicht. Die sich anschließende Diskussion vertiefte besonders die Asylproblematik und Parallelen zur Situation in Deutschland.  

              

Nach dem Symposium erlebten die Teilnehmer ein interessantes Kulturprogramm

Nach einer Stadtführung durch Pilsen am Nachmittag wurde das Musical „Edith“ im Neuen Theater besucht, eine gesanglich und tänzerisch fulminante tschechische Inszenierung des Lebens der französischen Sängerin Edith Piaf.

 

Am folgenden Samstag führten Sarka Kuthanova und Prodekan Dr. Roman Cermak von der Universität Pilsen die Besucher zum DEPO 2015, einem Projekt zur Förderung und Vernetzung von Kultur und Wirtschaft. In den ehemaligen städtischen Omnibushallen, die ursprünglich abgerissen werden sollten, können sich hier heute junge Künstler, Wissenschaftler und Techniker z.B. im Makerspace oder Coworking space oder im Centrum robotiky (Robotikzentrum) ausprobieren, an Prototypen arbeiten, eine CNC-Maschine testen, zusammen Projekte realisieren und Kontakte zu etablierten Wirtschaftsunternehmen knüpfen. Als einzige Einrichtung in der Region Pilsen besitzt das DEPO 2015 außerdem die Erlaubnis zur Arbeit mit Drohnen. Mit finanzieller Unterstützung der Stadt Pilsen werden verschiedene kulturelle Veranstaltungen, Artist-in-residence-Programme oder auch Workshops für Kinder im Robotikzentrum abgehalten. Einmal im Jahr, so auch an diesem Samstag, präsentieren sich in den Hallen die Schulen der Stadt und Fakultäten der Universität Pilsen, um den wissenschaftlichen Nachwuchs zu informieren und in der Region zu halten.

Vor der Heimfahrt beinhaltete das Nachmittagsprogramm die Besichtigung von zwei der vier öffentlich zugänglichen Loos-Interieurs. Diese beiden zwischen 1928 und 1931 in den Straßen Bendova 10 und Klatovska 12 entstandenen Werke des berühmten Architekten Adolf Loos stellen einzigartige erhaltene Zeugnisse moderner Innenausstattungen und somit Wohnkultur der oberen Pilsner Gesellschaft dar, die für ihre Entstehungszeit die Realisation bahnbrechender Entwürfe bedeuteten.

 

Die erfolgreiche Durchführung des Herbstsymposiums in Pilsen bestätigte die konstruktive Zusammenarbeit zwischen der Akademie Ostbayern – Böhmen und der Westböhmischen Universität Pilsen, die zukünftig noch intensiver fortgeführt werden soll, 2018 vor allem durch zwei Symposien zum Thema ‚Energiewende‘.

 


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